Memory
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{.The.scars.reminds.me.}


Die Dunkelheit war ein Schleier und so echt, das er sie ängstigte. Das Mädchen zitterte. Die Kälte bohrte sich gnadenlos, mit dem Gespür eines Pfeils, in ihren Körper. Stück für Stück. Kroch sie an ihr hoch. Vergiftete sie. Zermürbte sie. Zeit war bedeutungslos.
Wie lange war sie hier? Minuten, Stunden, Tage?

Wenn man sich selbst verliert ist Zeit kein Begriff mehr. Dann ist es nur noch ein Wort, das die Menschen benutzen um etwas zu beschreiben. Menschen brauchen immer Wörter. Menschen müssen immer beschreiben. Das weiß das Mädchen schon lange.
Ihre Mutter ist nicht mehr da. Sie ist vor ein paar Tagen gegangen und seitdem ist sie allein mit dem Monster das unter ihrem Bett schläft, in ihren Schrank lauert, ihre Träume unterwandert. Sie ist ein Kind, mehr nicht und sie hat Angst.
Die Kiste ist größer als sie. Sie hat genug Platz um sich darin zu bewegen.
Ein beißender Geruch von Zwiebeln und roter Wurst dringt ihr in die Nase. Die Kiste schäbert ein bisschen, als sie mit den Füßen dagegen tritt. Sie bleibt stumm. Nicht schreien, nicht weinen, sonst kommt er wieder und tut ihr weh. So dumm ist sie schon lange nicht mehr.
Die Nässe zwischen ihren Beinen ist klamm. Das rote Kleidchen, der Sommerstoff. Die Schühchen, die schönen Ballerina Schuhe. Großmutter hat sie ihr zum Geburtstag geschenkt, das ist sie zwei geworden. Und seitdem ist sie eine Frau, das weiß sie.
Die braunen, dünnen Mädchenhaare hängen ihr im Gesicht und verschleiern den Blick.

Am Anfang hat sie versucht zu schreien und gegen das Holz gehauen.
Die Fingernägel sind blutig und abgebrochen. Überall Blut und Kratzer.
Die Realität ist surreal und zerbricht Stück für Stück. Ein heißer Schleier, so heiß, das sie friert. Es ist niemand da, um sie zu beschützen. Sie ist allein.
Ihr Wimmern klingt durch den Raum, fast wie ein Kaninchen, das angeschossen wird und langsam stirbt. Ein weißes Kaninchen.

Schritte, fast wie ein Donnern. Sie hört es nicht. Will es nicht hören. Kann es nicht hören. Es ist alles weit weg. Viel zu weit weg.
Die Welt geht nicht unter. Sie geht niemals unter. Nicht für einen selbst.
„Drecksbalg!", donnert er, poltert er.


Der Gestank nach Zigaretten, dem fahlen Duft von Whiskey und Bier am Morgen. Die traurige Aggression, die sie nur zu gut kennt. Das alles, ist längt Alltag.
„Weißt du, was du jetzt bist? Du bist jetzt eine Frau, du bist schon groß!"
Das Mädchen hat verstanden. Jetzt ist sie groß, wie die Erwachsenen und muss keine Angst mehr haben. Nie wieder. Jetzt ist sie eine Frau und kann sich wehren und niemand wird ihr jemals mehr weh tun.

Am Anfang hatte sie geglaubt zu träumen. Manchmal verschoben sich die Welten, die Realität flimmerte und sie war nicht mehr sie selbst. Und ein Traum, konnte echt sein. Die Spieluhr, mit dem lächelnden Mond, spielte, summte ein Lied. Der weiße große Schrank, in dem sich das Monster manchmal versteckte, war Leinwand für ein Schattenspiel. Von Ästen und Schatten und bösen Träumen. Monoton. Immer dieselbe Melodie, die sie in den Schlaf wog. Langsam, wie die Hand an der Wiege.
Und sie war sich sicher, dass sie träumte.
Sie verlor sich in der Melodie, zerbrach, ganz langsam, im Wind.
Sie fühlte sie kaum, die Schläge.
Sie war zu klein um zu verstehen, was es bedeutete. Und das brachte sie je in eine Zwiespalt. Sie wusste dass sie Respekt haben musste. Das wusste sie.
Aber sie wusste nicht, dass es so weh tat, eine Frau zu sein. Die rote Flüssigkeit zwischen ihren Beinen war warm, fast heiß und sie hatte Angst sich zu verbrennen. Sie wusste nicht dass es so weh tun würde, geliebt zu werden. Der Zwiespalt, die sich im kreisdrehenden, unförmigen Gedanken und die jähe Angst zu sterben, zermürbten sie.


Zu viel Wissen.
Bis sie nur noch auf die Melodie horchte und der Schmerz gänzlich verflogen war. Ihm war ein hohler Klang gewichen, Stoß für Stoß. Ein bekanntes Gefühl. Sie dachte zurück. Und fand sie schließlich, jemanden der sie beschützte.

Und schließlich verlor sie sich völlig in der Nacht, in der Melodie, der tosenden Angst und der grauen Hoffnung. Verlor Bewusstsein und Identität und gab sie dem Mädchen das vor langer Zeit in den Kaninchenbau gefallen war.



[.mis.]braucht[.?.]

Er hat mich vergewaltigt.
Mein eigener Vater, hat mich vergewaltigt. Es fing an, da war ich drei, es hörte auf, da war ich sechs. Drei Jahre lebte ich in der Hölle. Drei Jahre, in denen meine Identität und Persönlichkeit sich aufspaltete um zu überleben.
Manche Menschen sagen, Kinder in diesem Alter würden nichts mitbekommen. Das ist eine Lüge, eine Fehlannahme. Sie bekommen es sehr wohl mit, sie leiden.
Man fühlt es wenn jemand in einen eindringt. So klein, das man sich nicht wehren kann. So schwach, das man nicht schreien kann.
Man liegt nur da und weint und hofft zu sterben.
Die Leute sagen, Kinder haben viel Fantasie, sie träumen schlecht, bilden sich alles nur.
Ich habe es mir nicht eingebildet, wenn er mich im Keller einsperrte…
Ich habe es mir nicht eingebildet, wenn er mich grün und blau schlug. Ich habe es mir nicht eingebildet, wie er mich würgte, bis ich ohnmächtig wurde.
Ich habe es mir nicht eingebildet, als er seine Freunde mitbrachte und sie Poker spielten, ich, als Einsatz. Ich habe es mir nicht eingebildet.
Ich weiß was passiert ist.


Ich habe mir lange die Schuld gegeben und glaubte ich sei dreckig, ich sei krank, ich sei verrückt. In der Hoffnung zu sterben, ging ich durch die Welt. Kalt und einsam, wie mir schien. Ich dachte ich wäre die einzige. Ich dachte ich wäre alleine mit diesem Schmerz. Kein anderer auf der Welt konnte so dreckig sein, so dumm und hässlich wie ich.
Es war alles meine Schuld. Ich war ein nutzloses Ding. Ich funktionierte, mit der Erinnerung an den größten Schmerz. Ich lebte und war doch halb tot. Ich war kein Kind mehr, keine Frau.
Ich wusste nicht wohin, dieser Weg mich führen sollte.

Heute weiß ich, das ich keine Schuld bin. Das nur mein „Vater“ schuld hatte. Ich konnte nichts für seine Begierden, für seine Perversion. Es war nicht meine Schuld, das er sich an mir verging.
Ich war nicht böse gewesen, wenn er mich im Keller einsperrte.
Ich war nicht schlecht gewesen, wenn er mich aus dem Haus jagte, mich prügelte.


Und er liebte mich nicht, wenn er mich vergewaltigte.
Ich habe jahrelang geschwiegen und gelitten, aber das ist nur Genugtuung für ihn, das macht nur ihn glücklich. Ich werde nicht mehr schweigen.
Schweigen hilft nur den Tätern.
Ich weiß das es viel Kraft kostet, aufzustehen und zu sprechen. Ich weiß aber auch, das Schweigen nicht einfacher ist. Wir müssen aufstehen und kämpfen, müssen uns gegen Kinderschänder erheben. Müssen hinsehen und wachsam sein.
Nur wir können die Zukunft verbessern. Wir können nichts für die Welt, wie sie jetzt ist. Wir haben nichts verschuldet, aber es ist unsere Schuld wenn sich die Welt nicht verändert. Denn wir sind hier, in diesem Moment, sind wir frei und lebendig.
Es ist soviel Platz auf die Zukunft zu gehen. Auch wenn dieser Kampf aussichtslos erscheint… in einem aussichtslosen Kampf ist aufgeben der größte Verrat.
Ich liege nicht mehr am Boden, ich lebe. Ich stehe im Sturm.
Ich werde kämpfen.'

 

.Second.[Part]

Vielleicht hätte es etwas geändert, hätte mich nur ein Mensch auf dieser Welt geliebt. Vielleicht hätte es etwas geändert, wenn sie sich um mich geschert hätten, vielleicht auch nicht.
Der häusliche Missbrauch war nicht mehr so schlimm, ich hatte mich daran gewöhnt. Ich wusste das es weh tat, aber die Schmerzen auch aufhörten… ich wusste, das ich nicht schreien dürfte.
Als er mich das erste Mal zu diesem Haus mitnahm, da wusste ich, dass es anders werden würde. Das nichts mehr so sein würde, wie es einmal war

Dieses Haus, manchmal sehe ich es in meinen Albträumen vor mich, wie es sich erhebt und mich verschlingt. Stück für Stück.
Ich sehe die Männer, die Gier und das Weiße in ihren Augen, wie es hervortritt.
Ich erinnere mich an die Geldscheine, die sie im zuschoben. Meinem Vater, meinem Zuhälter, meinem Albtraum. Ich erinnere mich jeden Tag daran, wenn Menschen sich Geld zuschieben.
Ich erinnere mich wie sich in mich eindrangen und was für Wünsche sie hatten. Welcher Ekel in mir aufstieg, aber auch welches Verlangen in meiner Brust brodelte.
Ich war nur ein schwaches Mädchen, das auch Instinkte hatte.

Ich wurde zu dem was sie wollten. Zu einem Kind, einer Frau. Zu einer Göre oder einer Klosterschülerin. Ich verlor mich in den Rollen, die sie mir aufdrängten. Ich verlor mich in den Drogen, die sie mir gaben. Das einzige was mich von den Prostituierten an der Straße unterschied war, das ich nie einen Cent sah, von dem was ich mir „verdiente“. Sonst war ich wie sie. Wie unzählige andere.

Es gab diesen einen Tag, als ich nicht mehr wollte. Als ich die Männer für immer hinter mir lassen wollte… eine normale Frau sein wollte.
Sie zogen an mir, schlugen mich und brüllten mich an. Das kannte ich, das machte nichts.
Sie zogen mich in den Wald und gruben mir ein Loch. Sie warfen mich hinein und begannen das Loch mit Erde zu bedecken…
Die Tiere, die Erde, die Luftnot. Die panische Angst die mich ergriff.
Die Hure in mir blieb ihnen etwas schuldig. Mein Leben. Meine Angst. Meine Hoffnung und ich tat weiter was sie verlangten.

Aufzubegehren… für eine Frau, nein, für eine Hure unmöglich.
Doch sie gaben mich frei, irgendwann.
Manchmal, in den stillen Momenten, fühle ich die Erde über mir. Ich ertränke meine Angst noch immer in den Drogen. Aber ich bin frei. Wenigstens manchmal…